Die Räder stehen still auf Polens Straßen

Bei der Europameisterschaft in Polen soll Mitte nächsten Jahres der Ball rollen. Im Straßenbau bewegt sich aber nicht viel. Es droht ein Verkehrschaos. von Sebastian Becker, Warschau

„Die notwendigen Verkehrswege zu bauen wird mit Sicherheit eng“, meint Christian Weber skeptisch. Polen, das im kommenden Jahr zusammen mit der Ukraine die Fußballeuropameisterschaft ausrichten soll, stehe doch wesentlich schlechter da, als viele derzeit glaubten. Der Manager ist ein Osteuropa-Kenner und arbeitet für die Krug Spedition aus Hessen, die ihre Lkw schon seit Jahren regelmäßig durch Polen nach Osteuropa fahren lässt. „Die Polen haben einfach zu wenig Erfahrung mit der Ausrichtung solcher Großereignisse“, fügt der Spediteur hinzu.
Damit spricht Weber nur das aus, was die Uefa-Organisatoren auch sehen, aber nicht direkt zugeben. Die Stadien werden zwar rechtzeitig fertig. Aber es gibt noch erhebliche Probleme mit der Infrastruktur. Wichtige Autobahnabschnitte werden nicht gebaut. Die Hauptstadt Warschau ist ein einziges Verkehrschaos, und zwar fast rund um die Uhr. Die Autofahrer quälen sich mit 25 Kilometern pro Stunde durch die Staus. Unvorstellbar, dass hier noch irgendjemand vorwärtskommt, wenn im Juni kommenden Jahres zur EM Tausende Fans zusätzlich die Straßen bevölkern. Und der Hauptbahnhof ist bislang nicht mehr als eine hässliche Baustelle und kein Aushängeschild der Stadt.

„Es liegt noch harte Arbeit vor uns“, hatte der Chef des Organisationsstabs, Marcin Herra, Anfang September in München gesagt. Damit ließ er durchblicken, dass es doch nicht so einfach wird, wie viele früher geglaubt haben. Eigentlich hatte Polen im Vergleich mit der Ukraine immer als der solidere Ausrichter gegolten. „Die EM in Polen und der Ukraine ist ein Anlass, um gerade die Infrastruktur der Länder zu verbessern“, erklärte Herra.
Die Stimmung hatte sich im Juni verschlechtert, als die Oberste Kontrollkammer (NIK) ein rabenschwarzes Zwischenfazit für die Organisation ausstellte. Sie überwacht die Verwendung der Steuergelder. Die Polen haben nur etwas mehr als ein Drittel der Gesamtsumme, die im vergangenen Jahr in die Vorbereitungen investiert werden sollte, auch tatsächlich verbaut. Insbesondere werde es nicht gelingen, sämtliche Bahnhöfe wie geplant zu sanieren. Die NIK hat weiter ein wachsames Auge auf die Vorbereitungen und wird im Frühjahr 2012 einen neuen Bericht präsentieren.
Teil 2: „Die Polen sind Improvisationskünstler“

Dabei ist das lückenhafte Autobahnnetz, das nicht einmal 900 Kilometer umfasst, ein riesiges Problem. Das ist für ein Transitland, das flächenmäßig fast so groß ist wie Deutschland (fast 13.000 Autobahnkilometer), eine Katastrophe. Trotzdem wollen nur wenige Polen auf ihr Auto verzichten. Und sportbegeistert ist das Land auch nicht gerade, selbst wenn Fußball der wichtigste Sport ist. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS OBOP betreiben nur zehn Prozent regelmäßig einen Sport. Die Onlineausgabe des Nachrichtenmagazins „Wprost“ mutmaßt, dass sich die Hälfte aller Polen das letzte Mal in der Schule regelmäßig bewegt hat. Jedes Jahr im September, wenn in Warschau der Marathon stattfindet, beklagen sie sich über Absperrungen und Fahrverbote.

Die Idee, dass die Organisation der EM den Bau der Autobahnen forciert, klingt zwar schlüssig, ist aber kaum durchsetzbar. Der Straßenbau leidet in Polen seit 20 Jahren unter grundsätzlichen, hausgemachten Problemen, die sich so schnell kaum lösen lassen. Die Bauausschreibungen sind sehr formalisiert und geben abgewiesenen Firmen immer wieder die Möglichkeit, Einspruch zu erheben. Ursprünglich sollte dadurch die Korruption bekämpft werden. Dabei haben die Polen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, weil durch die ständigen Einsprüche zwischenzeitlich überhaupt nichts mehr gebaut wird.

Allerdings will von diesen Schwierigkeiten momentan niemand etwas wissen. Alle, ob Uefa-Funktionäre, Politiker oder Medien, wollen unbedingt, dass Polen dieses Großereignis stemmt. Versprechen sich alle Beteiligten doch sehr viel davon. Europas Fußballvereinigung, weil sie sich damit neue Märkte erschließt. Die Polen, weil sie sich damit auf internationaler Bühne präsentieren können. Und die Sender, weil auch sie an der EM verdienen wollen. Aufgrund seiner soliden wirtschaftlichen Entwicklung erfreut sich das Land derzeit einer positiven Berichterstattung.
Trotz aller Probleme bleibt Weber von der Krug Spedition vorsichtig optimistisch: „Die Polen sind Improvisationskünstler“, erklärt er. „Letztlich machen sie alles auf den letzten Drücker.“ Für die Organisation eines solchen Großereignisses werde es dann natürlich problematisch. „Doch wandelt sich das Land in schnellem Tempo – und irgendwann werden sie das auch einmal beherrschen.“

Quelle: Financial Times Deutschland, 12.10.2011, „Die Räder stehen still auf Polens Straßen“ von Sebastian Becker